Übermorgenwelt-Bücher

Übermorgenwelt-Bücher

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Es weihnachtet sehr!






„All überall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein sitzen …“

Wer kennt das nicht?
Erneut liegt uns mit Theodor Storms „Knecht Ruprecht“ ein Klassiker vor. Ein Weihnachtsklassiker, zur rechten Zeit vor dem Advent herausgegeben vom Kindermann Verlag in seiner Reihe „Poesie für Kinder“.

Die Gedichtzeilen von 1862 werden einmal mehr von unglaublich detailreichen Zeichnungen des bekannten Illustrators Klaus Ensikat begleitet, dessen Stil auch hier wieder wunderbar zur jener Zeit passt.
Zu jener Zeit? Weit gefehlt. Um das Gedicht Kindern näher bringen zu können lässt Ensikat Knecht Ruprecht in unserer heutigen Zeit durch einen Ort im vorweihnachtlichen „Rummel“ ziehen, genauso, wie wir es alle nur zu gut kennen. Mit einem Weihnachtsmarkt und vielen Menschen, die mal ernst, mal belustigt, mal skeptisch, aber meistens unbeteiligt dem Fremden im roten Mantel und dem großen Sack hinterherschauen. Überhaupt sind es die dargestellten Menschen, die einen in den Bann ziehen, die Gesichter der Erwachsenen und vor allem auch die der Kinder. Darin ist nichts verklärt, man sieht Neugierde, Staunen, Lachen, aber auch freches Grinsen, Misstrauen oder gar Ablehnung, Szenen, nah an der heutigen Wirklichkeit.
Ganz besonders fällt der allzu menschliche Gesichtsausdruck Knecht Ruprechts auf, er ist nicht entrückt oder erhaben und grimmig schaut er nur die Rute an. Dieser Knecht Ruprecht, in unsere Zeit versetzt, ruft keine Angst hervor, keine Ehrfurcht, er trägt gestrickte Handschuhe mit einem netten Schneeflockenmotiv in Pastellfarben und wird manchmal von paar Spatzen durch die Straßen begleitet.

So gibt es sehr viel zu entdecken in diesem Buch für Kinder, aber auch für Erwachsene. Ensikats Bilder lassen einen zuweilen schmunzeln, machen aber auch nachdenklich. „Knecht Ruprecht“ eignet sich gut, um es mit seinen Kindern zusammen anzuschauen und dabei das Gedicht vorzulesen, so dass sie die Zeilen nicht (nur) auswendig lernen (und erst später vielleicht auch mal als sprachlich schön begreifen), sondern mit der alten Sprache etwas Lebendiges, z.T. auch Lustiges, durchaus ins Heute Versetzbares verbinden können. So aufbereitet werden Groß und Klein an Theodor Storm Spaß haben und gleichzeitig eine weihnachtliche Stimmung verspüren können, die aus den bekannten ersten Zeilen des Gedichtes ungebrochen strahlt: „Von drauß vom Walde komm ich her …“
Mit diesem Walde, wahrlich phantastischen und wundervoll illustriert, beginnt auch das Buch, am Ende gibt es kompakte Informationen zu Theodor Storm, Knecht Ruprecht und Klaus Ensikat, eine ganz runde Sache.
Wer also noch auf Geschenkesuche ist: ein sehr schönes, außergewöhnliches und empfehlenswertes Werk, auch für Erwachsene!
Ich jedenfalls habe durch das Buch, dank der Umsetzung durch Klaus Ensikat, beide neu und wiederentdeckt: Theodor Storm und den Knecht Ruprecht.


01.12.2016
GH

Dienstag, 15. November 2016

Mars für Kinder

(Band 1)



ISBN 9783404243327



Der Mars im Jahr 2068: Die Kinder der Marsforscher haben ihr Leben in der Kolonie auf dem roten Planeten verbracht, manche sind sogar dort geboren. Doch dann soll das Marsprojekt beendet werden. Trotz des Aufschreis der Forscherkolonie laufen die Vorbereitungen für die Stilllegung des Projekts an. Die vier Kinder sind geschockt. Wenn sich die Menschheit vom Mars zurück zieht, werden sie nie wieder an den Ort ihrer Kindheit zurückkehren können. Dann stellt sich auch noch heraus, dass die Jüngste, Elinn, auf der Erde nicht überleben könnte. Aufgrund ihrer frühen Geburt und der darauffolgenden Entwicklung sind ihre Lungen nicht in der Lage, sie auf der Erde entsprechend zu versorgen. Sie würde die Freiheit des Mars gegen ein lebenslanges Gefängnis auf einer Raumstation eintauschen müssen. Die Kinder, allen voran Elinn, schmieden Pläne, um auf dem Mars bleiben zu können. Doch dann machen sie eine unglaubliche Entdeckung...

Ein spannender Jugendroman von Andreas Eschbach, der bekanntermaßen fachlich gut recherchierte Zukunftsromane schreibt. Auch hier macht er keine Ausnahme und spannend liest sich das Ganze auch noch. Das Ende macht Lust auf die weiteren Bände. Wer Interesse hat sollte allerdings antiquarisch danach suchen, immer wieder ist die Reihe vergriffen. Über entsprechende Quellen sollte man jedoch gut herankommen.




6.11.16 J.D.


Freitag, 11. November 2016

Überleben allein ist unzureichend

Emily St. John Mandel 

Das Licht der letzten Tage 



Piper 

ISBN: 9783492060226 



Vielleicht heute: In einem Theater stirbt ein Schauspieler während der Aufführung zu Shakespeares "King Lear" an einem Herzinfarkt. Ein Mann versucht ihm zu helfen, doch vergeblich. Auf dem Heimweg bekommt er einen beunruhigenden Anruf von einem Freund aus dem Krankenhaus. Er reagiert darauf auf seine Art... 

Irgendwann in der Zukunft: Eine Pandemie ist über die Menschheit hinweg gefegt. Nach einer Sterblichkeitsrate, die bei 99 % lag, ist von der Zivilisation nicht mehr viel übrig. Ein paar leidenschaftliche Musiker und Schauspieler haben sich als Wandertruppe zusammen geschlossen und ziehen, ca. 20 Jahre nach dem Geschehen, von Ort zu Ort, durch eine zerrüttete und zerstörte Welt. Eine von ihnen ist Kirsten, die beim Ausbruch des Virus noch ein Kind war...





Ein ungewöhnliches Buch! Eigentlich das Thema Post-Apokalypse – es wird jedoch, in Rückblenden der Vergangenheit und in Sequenzen des aktuellen Geschehens, das Leben unterschiedlicher Personen erzählt - was dem Ganzen etwas die Düsternis nimmt. Dabei geht es im Grunde um Menschen, die alle an irgendeinem Punkt das Leben des verstorbenen Schauspielers berührt haben. Auch das Leben dieses Mannes wird in wiederkehrenden Sequenzen erzählt. Der Leser erfährt nach und nach die Zusammenhänge der Personen, von denen sich manche nun, immer noch irgendwie gebunden an diesen Mann und ihre Begegnungen mit ihm, durch die düstere Zukunft kämpfen. Am Beispiel des Lebens des Schauspielers wird der starke Gegensatz zum Leben der Menschen nach der Apokalypse deutlich. Und man gerät in einem, dem Leser gestellten Rätsel, schnell auf die falsche Spur. Am Ende wird dieses aufgelöst und man merkt, wie leicht es ist, in guten Menschen Niedertracht zu sehen. Das Cover hat mich persönlich neugierig gemacht, ebenso wie der Titel, der auf den poetischen und ruhigen Schreibstil der Autorin hinweist. Das nichtsdestotrotz auch spannende Buch macht dabei Hoffnung auf die Fähigkeit der Menschen, auch im Angesicht des Niedergangs der menschlichen Zivilisation wieder Kraft für einen Neuaufbau zu finden. Hierbei soll auch der Satz nicht ungenannt bleiben, den sich die wandernde Symphonie als Leitsatz auf den Pferdewagen geschrieben hat, und der sympatischerweise aus Star Trek (Voyager) stammt: 
Überleben allein ist unzureichend



11.11.16 J. D.

Montag, 31. Oktober 2016

Das Licht der Toten

Kai Meyer


Phantasmen


Carlsen-Verlag
ISBN: 978-3-551-58292-8


Rain -19 und Emma -17 Jahre alt,  möchten Abschied nehmen... von ihren Eltern, die 3 Jahre zuvor bei einem Flugzeugabsturz um's Leben kamen. Ihre Reise führt die beiden Mädchen deswegen an den Unglücksort mitten in der Wüste, um ihre Eltern noch einmal zu treffen. Auch wenn es im ersten Moment unglaublich erscheint, doch seit einigen Jahren tauchen die Geister der verstorbenen am Ort ihres Todes wieder auf... und es werden immer mehr. Vom Zeitpunkt des ersten Auftretens an, erscheinen nicht nur die neuen Verstorbenen, sondern auch rückwirkend die Geister des identischen Zeitraums vor dem Ereignis. Dadurch konnten die Mädchen berechnen, wann die Geister des Flugzeugabsturzes ihrer Eltern erscheinen werden. Die Erscheinungen leuchten vom Moment ihres Auftauchens im Geisterlicht, so dass es an manchen Orten mittlerweile ständig taghell ist... und sonst passiert normalerweise nichts. Doch als Emma und Rain endlich ihre Eltern als Geister wiedersehen, verändert sich etwas... die Geister, alle Geister,  lächeln... und es ist ein böses Lächeln.


Ein phantastischer Roman von Kay Meyer, der es in sich hat. Die mitreißende, etwas gruselige Story zieht den Leser in ihren Bann.
Die Geschichte ist aus dem Blickwinkel von Rain verfasst, die nicht nur versucht, in einem Endzeitszenario mit ihrer Schwester zusammen zu überleben, sondern sich auch noch plötzlich auf der Suche nach dem Grund für die Geistererscheinungen befindet. Die beiden Protagonistinnen tragen beide diverse Lasten ihrer Vergangenheit mit sich herum. Während Rain ein Trauma von einer Reise in sich trägt, dass sie immer wieder verfolgt, ist ihre Schwester Emma schon immer etwas besonders gewesen und hat sich seit dem Tod der Eltern noch weiter zurückgezogen. Kai Meyer gelingt es sehr gut, die Geschichte und Interaktion der Jugendlichen miteinander und mit der besonderen Situation spannend zu erzählen. Der Plot ist, auch wenn er durch die Geister der Toten sehr phantastisch klingen mag, durchaus spannende Thriller-Lektüre für Leser, die sonst die Phantastik eher meiden. Natürlich ist es nicht nur der Gesichtsausdruck der Geister, der sich verändert sondern damit einher geht eine weitaus schwerwiegendere Veränderung, die ich aber nicht vorwegnehmen möchte. Die Handlung aber auch der tolle Schreibstil von Kai Meyer lohnen es, sich das Buch zu Gemüte zu führen!
Das Titelbild des Hardcovers ist genial und hat mich in meiner Stammbuchhandlung sofort angesprochen. Die neuere lila-Version gefällt mir nicht mehr ganz so gut - aber zum Glück, hat das keinen Einfluss auf den großartigen Inhalt!
Kai Meyer hat bereits mehr als 50 Titel veröffentlicht und zählt aktuell zu den bedeutendsten deutschen Phantastikautoren. Dies stellt er erneut mit "Phantasmen" unter Beweis. Völlig zurecht erhielt Kai Meyer den Seraph 2013 und 2015 für seine Bücher "Asche und Phönix" bzw. "Die Seiten der Welt" neben weiteren Preisen und unzähligen Nominierungen, unter anderem auch für den Deuschen Phantastikpreis... der ist sicher nur eine Frage der Zeit :) 

Der Roman ist uneingeschränkt zu empfehlen. Aus meiner Sicht eignet er sich dabei besonders ab einem Alter von 16 Jahren. Inhaltlich kann er aber problemlos schon ab 14 gelesen werden.

Wer einmal reinlesen möchte, hier gibt's eine Leseprobe.

16.10.2016
G. Winter

Freitag, 21. Oktober 2016

Jobbeschreibung: Plötzlich Tod...

Christopher Moore

Ein todsicherer Job
"A dirty Job"

Goldmann-Manhattan
ISBN:978-3-442-54225-3



Charlie Asher ist ein fahriger und nervöser Typ, immer etwas durch den Wind und eigentlich trotzdem mit einem guten Leben. Dann stirbt seine Frau im Krankenhaus kurz nach der Geburt ihrer Tochter - und Charlie ist plötzlich alleinerziehender Vater und Witwer. Doch das ist noch nicht alles, was in dieser Nacht sein Leben auf den Kopf stellt. Nachdem auf einmal Menschen in seiner Umgebung tot umfallen und er Gegenstände leuchten sieht, möchte er am liebsten seine Wohnung nicht mehr verlassen. Über kurz oder lang klärt sich aber die Situation etwas - Charlie ist nun einer der Stellvertreter des Todes und soll Seelenschiffchen sammeln. Selbige dürfen nämlich nicht in die Hände der "dunklen Mächte" fallen, denn die möchten gern wieder die Herrschaft auf der Erde und den Platz des Todes übernehmen. Gevatter Tod nämlich ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr selbst am Ball. So muss Charlie jonglieren, seinen Laden, seine Tochter und seinen neuen Job in Einklang bringen und verhindern, das weitere Seelenschiffchen in die falschen Klauen fallen... Keine leichte Angelegenheit!

Nicht leicht für den Protagonisten, aber humorvoll wie eh und jeh. Christopher Moore ist bekannt durch die Geschichte von Jesus' Jugendjahren in "Die Bibel nach Biff" und bewies dort eindrucksvoll seine humoristische Seite. Selbige bewegte mich auch zum Erwerb von "Ein todsicherer Job" und ich wurde nicht enttäuscht. Erneut präsentiert Moore ein Feuerwerk an Gags und Sprüchen auf nahezu sämtlichen Seiten seines Romans. Dabei gelingt es ihm jedoch, das sehr emotionale Thema des Sterbens trotzdem mit dem gebührenden Respekt und großer Sensibilität zu betrachten. Alle Charaktere neben Charlie Asher, z.B. seine Angestellten oder seine Schwester, aber auch die fiesen "Gullyhexen" sind großartig gezeichnet und bieten viel Gelegenheit, auch einfach mal herzhaft über ein Thema zu lachen, bei dem eigentlich den Wenigsten zum Lachen zumute ist. Und eben weil in diesem Buch geniale Komik und stille Sensibilität mit großem Einfühlungsvermögen so mühelos von Moore kombiniert werden, kann ich es uneingeschränkt weiterempfehlen. Der Schluss ist in Teilen etwas vorhersehbar, aber in dieser Geschichte ist ohnehin der Weg das Ziel.
Weiterhin ist das Buch frühestens ab 14, eher ab 16 Jahren und natürlich darüber zu empfehlen. Für jüngere Leser ist der Humor sicher doch zu erwachsen.

Christopher Moore ist indes nicht untätig und hat mittlerweile sogar schon (bzw. endlich, denn die Erstausgabe von "Ein todsicherer Job" erschien bereits 2006 in Deutschland) den Folgeroman am Start, einmal abgesehen von seinen anderen Geschichten. Am 22.8.2016 erschien "Ein todsicherer Plan" in den Buchläden... wenn das mal kein Grund ist, sich direkt zwei neue Bücher anzuschaffen... ;)


16.10.2016
G. Winter

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Eine Diebin, ein Ziel und viele Hindernisse mit spannender Wendung

Henning Mützlitz


Wächter-Chroniken 1 - Die Königin von Mesoth


Papierverzierer Verlag

(aktuell noch als E-Book und demnächst mit den anderen Chroniken dann auch in gebundener Form)



Shanti möchte als Königin der Diebe in die Geschichte eingehen und will dazu nichts geringeres als

die Uriasscheibe von Dessalia stehlen. Dieses magische Insignium der Macht liegt natürlich gut gesichert im Turm einer Zitadelle. Doch als zukünftige Königin der Diebe ist Shanti vorbereitet, geschickt und fähiger als ein normaler Durchschnittsdieb. 
Leider wendet sich ihr Glück und sie wird nicht nur gefasst, sondern muss auch dem vermeintlich sicheren Tod ins grausige und kalte Antlitz blicken. Wendungen, unausweichliche Entscheidungen und wechselnde Fronten bestimmen ab da an ihren Weg und ihr Leben wird vollkommen auf den Kopf gestellt.

Henning Mützlitz verfasst in der Novelle "Die Königin von Mesoth" einen ersten Teil der Ergänzungen bzw. Vorgeschichten zu den "Wächtern der letzten Pforte". Weitere Teile, verfasst durch weitere namhafte Autoren, z.B. Christian Kopp, Stefan Schweikert, Judith und Christian Vogt oder Christian Lange, liegen ebenfalls bereits vor oder aber werden demnächst beim Papierverzierer Verlag veröffentlicht. In diesem ersten Band nun erfahren wir etwas über den Werdegang der Diebin "Shanti" mit ihrem lebensverändernden Abenteuer in Mesoth.  
In der Kürze liegt die Würze, könnte man sagen, denn trotz der verhältnismäßig geringen Seitenzahl hat die 7 Kapitel umfassende Handlung es außerordentlich in sich. Der Schreibstil von Henning Mützlitz zieht die Leser in die Geschichte und lässt sie mit den Protagonisten mitfiebern. Es gibt keine Längen - im Gegenteil... fast möchte man rufen: Mehr davon! Ich hatte sogar am Ende den Eindruck, dass die Schaffenskraft und Kreativität des Autors evtl. durch ein Seitenlimit eingeschränkt wurde? Für mein Gefühl war da noch mehr Potential, dass dann zu Gunsten eines zügigeren Endes ausgebremst wurde.
Aber vielleicht ist hier auch einfach der Wunsch der Vater des Gedanken...viel zu schnell kommt das Ende und der Abschied von Shanti und ihren neuen Freunden. Deswegen wünscht man sich einfach noch mehr Geschichte... nur noch ein paar Seiten mehr... Bitte! :)
Wie auch schon zu den "Wächtern der letzten Pforte" gibt es ein durchaus nützliches Glossar am Ende des digitalen Buches. Hier kann der geneigte Leser die vielen Bezeichnungen und Begriffe nachschlagen, die, wie oft bei High-Fantasy üblich, für diese besondere Welt von den Autoren kreiert wurden. Gleichzeitig ist es aber möglich, die Geschichte ohne Kenntnisse aller Begriffe zu erfassen und kontinuierlich, ohne nachschlagen zu müssen, zu genießen.
Die verzwickte Frage, die sich stellt: muss man die "Wächter der letzten Pforte" vorher gelesen haben oder besser nicht?
Diese Frage kann ich mit einem klaren Jaein beantworten. Wer gute High-Fantasy lesen möchte, kann sich einfach aussuchen, womit er anfangen will. Aus meiner Sicht ist es geschickter, den Roman vor den Chroniken zu lesen, da Shanti ohne diese Vorgeschichte dort noch ein paar Geheimnisse für sich behält. Gleichzeitig bin ich mit aber sicher, das es den Lesespaß nicht trüben wird, wenn ihr die Wächter-Chroniken quasi als "Appetizer" für den Eintritt in diese großartige High-Fantasy Welt betrachtet.
Das Cover stellt eine Abwandlung des Titelbildes der "Wächter der letzten Pforte" dar, nur eben mit dem Zusatz eines Bildes der weiblichen Protagonistin. Das Bild spricht mich persönlich nicht so richtig an und demzufolge hätte das Cover mich auch nicht zum Kauf animiert. Die Dame wirkt etwas fehl am Platz, das geheimnisvolle der schwarzen Sonne geht unter und die Illustration gibt mir eine Vorgabe vom Aussehen des Charakters, das in meinem Kopf  bereits Gestalt angenommen hatte.
Aber!! Betrachtet ihr die weiteren Bilder der Chroniken-Bänder stellt sich heraus, dass dort immer ein Charakter - vermutlich der/die entsprechende Held/in - den Weg auf den Titel geschafft hat. Dadurch entsteht eine tolle visuelle Verbindung zwischen den Novellen, die mir (abgesehen von der Umsetzung) gut gefällt. Und nach weiterer Recherche musste ich feststellen, dass mir die Titelbilder in schwarz-weiß deutlich besser gefallen... bildet euch selbst eine Meinung und seht es euch unter waechterchroniken.wordpress.com einfach einmal an.

Fazit: Eine tolle High-Fantasy-Novelle mit viel Inhalt auf (leider) wenigen Seiten, einer spannenden Handlung, tollen Protagonisten und fesselndem Schreibstil. Ein definitives Muss! für all jene, denen die "Wächter der letzten Pforte" bereits gefallen hat und gleichzeitig ein möglicher Einstieg in die umfangreiche Welt des Romans! Man darf gespannt sein, was Henning Mützlitz und seine Wächter-Chroniken-Autoren-Kollegen noch alles zu bieten haben!




Die Rezension zu den "Wächtern der letzten Pforte" ist hier zu finden.


19.10.2016
G.Winter

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Wenn wir den Fokus verlieren....

William Sutcliffe

Concentr8

rowolth rotfuchs
ISBN: 978-3-499-21739-5


Sie haben die Concentr8-Lieferung eingestellt. Seit Jahren wird das Medikament in London unter den verhaltensauffälligen Jugendlichen verteilt und dann von einem Tag auf den anderen versiegt der Nachschub. Daraufhin brechen Aufstände in der Stadt aus. Die 5 Jugendlichen, Troy, Femi, Lee, Karen und Blaze sind eigentlich nicht auf Ärger aus, doch dann entführen sie spontan einen Mitarbeiter des Bürgermeisters und halten ihn für 6 Tage in einem alten Lagerhaus gefangen. Wie kommen sie da wieder raus - oder, ist das überhaupt wichtig? Hat die Gesellschaft sie nicht sowieso schon abgeschrieben?


In Concentr8 betrachtet William Sutcliffe eine Zukunft, die nicht unbedingt weit entfernt von der Realität sein könnte. Eine übertriebene Darstellung der Wirklichkeit, die eigentlich wenig mit phantastischer Literatur in Zusammenhang steht - oder - hoffentlich doch steht! Trotzdem möchte ich das Buch gern vorstellen, da ich es als lesenswert erachte. Thematisiert wird hier zum einen der Umgang mit ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung), bzw. eigentlich die Behandlung mit dem Medikament Ritalin oder hier dem fiktionalen Pharmazeutikum namens Concentr8. Auf der anderen Seite steht der Einblick in die Psyche oder Gedankenwelt der jugendlichen Protagonisten. Die Geschichte wird jeweils aus der Ich-Perspektive der verschiedenen Charaktere erzählt und aufgebaut. Neben den Kindern erfährt der Leser so auch die Gedanken und die Wahrnehmung der Geisel, dem Bürgermeister oder einer Journalistin. Als spannendem Aspekt gibt Sutcliffe jedem Charakter seinen eigenen Sprachstil und seine eigene Ausdrucksweise. In einigen Fällen überschneiden sich die Erlebnisse in den Beschreibungen der Protagonisten. Hier erhält man einen direkten Vergleich zwischen Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung durch andere Menschen.  
Zusätzlich beginnt jedes Kapitel mit Auszügen aus Literatur, Interviews oder Twitterkommentaren zum Thema Ritalin und ADHS - in diesem Fall nicht fiktiv. 
Ein wenig bekommt man den Eindruck, dass Buch sei direkt als Schulstoff verfasst - die Möglichkeiten zur Diskussion mit Jugendlichen zu den Themen Gewalt, Zukunftsperspektiven oder auch dem pauschalen Einsatz von Medikamenten bietet sich geradezu an. Fast scheint es, als hätte der Autor es aus eben diesem Grund überhaupt nur geschrieben. Tatsächlich lohnt sich der Roman aber gerade aus diesem Grund, auch wenn es für manch einen im ersten Moment abschreckend klingt. Ich hatte mich selbst bisher kaum mit ADHS beschäftigt und auch noch keinen Kontakt zu den kritischen Betrachtungen, auf die man durch Concentr8 gestoßen wird. Man beginnt fast automatisch selbst ein wenig zu recherchieren, sollte man zumindest, denn Hintergrundinformationen sind im Buch rar gesät.
Gleichzeitig ist mir hier aber die Betrachtung der Anwendung von Ritalin/Concentr8 zu einseitig kritisch. Neutrale oder gar positive Einblicke in die Anwendung sucht man vergeblich. Bleibt zu hoffen, dass dieses Buch die Leser immer zu gesundem und logischem Nachdenken anregt, denn die Kritik ist stellenweise schon fast wieder zu platt eingesetzt.
Ob die Jugendlichen wirklich über ihre eigene Zukunft reflektieren, wie es hier zum Teil die einzelnen Charaktere tun, ist eine spannende Frage, die man am besten mit ebendiesen diskutiert. Ich denke, diese Buch lebt vom Austausch mit anderen Lesern und  aus genau diesem Grund kann ich es mir sehr gut im Schulunterricht vorstellen. 

Zu Recht nominiert für den YA Book Prize und die Carnegie Medal 2016 kann ich das Buch als spannende, gesellschaftskritische Literatur für Jugendliche ab 15 und natürlich Erwachsene empfehlen - mitdenken vorausgesetzt.  

G.W. 11.10.2016