Übermorgenwelt-Bücher

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Freitag, 14. Februar 2014

Schrat wecken ist Klasse!

Wieland Freund

Wecke niemals einen Schrat!

ISBN: 978-3-407-82017-4

Jannis und Motte, zwei junge Elfen, stehen unmittelbar vor der "Gefahrenprüfung", der wichtigsten Prüfung der Sommerschule im Elfenwald. Wer nicht besteht, muss im nächsten Jahr die Sommerschule wiederholen - ein grauenhafter Gedanke für Jannis, der lieber mit den Spechten eine Runde trommelt und sich die Nacht mit den Siebenschläfern um die Ohren schlägt.
Grundlage des Prüfungsstoffes ist "Amsel Salamanders Buch über Alles", eine riesige Sammlung beschriebener, loser Baumblätter -  sozusagen die Bibel der Elfen - auf denen u.a. steht, von was das Elfenvolk so alles bedroht wird: von Marder und Fuchs, Habicht und Uhu, von Tanten und Unglück bringenden Schraten und…vom Zauberer Holunder, der Stürme heraufbeschwört, von denen man verweht werden kann.
Es kommt, wie es kommen muss, Motte, pflichtbewusst, fleißig und überaus clever, besteht die Prüfung mit Auszeichnung, Jannis rasselt mit Pauken und Trompeten durch. In seinem Frust weckt Jannis versehentlich den Schrat Wendel, der ihm fortan am Fersen klebt und die nun folgenden Abenteuer mit ihm an seiner Seite durchsteht, ob Jannis will oder nicht... und auch ob Wendel will oder nicht. - Schrat-Gesetz!

Jannis wird, mitsamt Wendel, verbannt, Motte und die Elfenkönigin mit ihren Hofdamen wenig später durch einen Holundersturm verweht. Beide, Jannis und Motte, erleben und überstehen im Verlauf der Geschichte Gefahren, die sie bisher nur aus dem Unterricht kannten.
Bis es zur allentscheidenden Begegnung mit dem leibhaftigen Holunder kommt...

Der Autor Wieland Freund wurde 1969 in Paderborn geboren und arbeitet als Autor, Kritiker und Journalist. Seine beiden ersten Kinderbücher, "Lisas Buch" (2003) und "Gespensterlied" (2004) wurden mit dem Bayrischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. Im Verlag Beltz & Gelberg hat er bereits einige Bücher veröffentlicht, darunter "Die unwahrscheinliche Reise des Jonas Nichts" oder "Tulpenfieber". Der Autor lebt mit seiner Familie in Berlin.
Wieland Freund führt in "Wecke niemals einen Schrat" mit wunderbar lebendigen Schilderungen in und durch den Elfenwald; ich hatte modrigen Pilzgeruch in der Nase und konnte das weiche Moos spüren, saftige Beeren schmecken und das Tosen des Sturmes hören.
Beschreibungen wie: "die kugelrunde Buschbaronin von Hagebutte mit ihrem Kobel aus Steineichenzweigen, leuchtend weißer Birkenrinde und einer Außenisolierung aus Distelwolle - ein völlig überladenes Ding" machen Spaß und lassen sofort Farben und Formen vor dem inneren Auge entstehen.
Die Elfen, keine übernatürlichen Wesen, wie sie normalerweise in unseren Köpfen spuken, erinnern in Gestalt und Bewegung, mit buschigem Schwanz, Puschelohren und Kobeln als Schlafstätte, doch eher an unsere heimischen Eichhörnchen. Alle anderen vorkommenden Tiere und Wesen nehmen dazu passende Charaktere ein, wie der respekteinflößende Storch Eibert, mit seinen leuchtend roten Stelzen, als gestrenger Lehrer und Prüfer.
Und Wendel, den stoisch "Oha"-enden Schrat und heimlichen Helden muss man einfach lieben.

Mich haben, außer der Geschichte, vor allem all die kleinen, feinen Details und netten Anspielungen verschiedenster Art in den Bann gezogen: Oberon und Titania, auch hier als König und Königin der Elfen, da Vincis Proportionszeichnung des Menschen auf einen Elf übertragen, bedrohliche Tantelnetze im Wald und der einsame Turm des Zauberers Holunder im See (nein, man liegt bei dem Gedanken an Tolkien nicht falsch), die mit sichtlichem Spaß gewählten Namen der Protagonisten ebenso wie manch stilgerechter Fluch: "Pest, Pocken und Zeckenbefall"  u.v.m.
Viel Humor steckt auch in den sporadisch im Buch auftauchenden, illustrieren Baumblättern des "Buch(es) über Alles" auf denen man, passend zum Text, die Beobachtungen und aufgestellten Thesen von Amsel Salamander nachlesen kann. Allein darin kann man sich schmunzelnd verlieren.

Spätestens an dieser Stelle müssen die bezaubernd stimmungsvollen, in warmen dunklen Herbstfarben gehaltenen Illustrationen von Joelle Tourlonias hervorgehoben werden, die das Buch begleiten; einschließlich der einführenden Landkarte - die man inzwischen aus vielen Fantasy-Büchern gewohnt ist - in diesem Fall passend auf Blätter gezeichnet.

Ein Buch, das in Zeiten, in denen viele Kinder (und nicht nur Kinder) Schwierigkeiten haben einen Haselnussstrauch von einer Rosenhecke zu unterscheiden, den Wald mit all seinen Bewohnern mit so viel Spaß und Spannung näher bringt, rennt bei mir offene Türen ein. Genau aus diesem Grund hätte ich mir noch gewünscht, dass eben die "realen" Details auch konsequent richtig dargestellt worden wären: ein Kastanienblatt dient im Text als Urkunde zur bestandenen Prüfung, das dazu illustrierte Blatt ist jedoch ein Ahornblatt.
Das tut der Geschichte als solches natürlich keinen Abbruch. "Wecke niemals einen Schrat" ist eine Geschichte über Mut und Eigensinn, über den Wert von Wissen und Erfahrung, über das in Frage stellen allgemeingültiger und fest verankerter "Wahrheiten" und natürlich über Freundschaft, verpackt in ein für junge Leser spannendes Abenteuer, das zeigt, dass auch der benachbarte Wald voller Fantasie und Magie stecken kann.

Ein absolut empfehlenswertes Buch für Kinder (Altersangabe 9 -11 Jahre), das sich, auch für Jüngere, bestens zum Vorlesen eignet und das ebenso Erwachsenen viel Spaß machen kann.

G.Hintze, Januar 2014

Die besseren Wälder


Die besseren Wälder

ISBN: 978-3-407-82033-4



Es wird die Geschichte von dem 17-jährigen Ferdinand erzählt, der als Wolf unter Schafen aufwächst – er ist der „Wolf im Schafspelz“. Von dieser Rolle weiß Ferdinand aber nichts. Somit ist er in die Gruppe der Schafe voll integriert, ernährt sich vegetarisch und lebt ihre Gesellschaftsform in der Herde. Auch sonst besitzt er alle Eigenschaften, die man Schafen zuschreibt. Aber ihn kennzeichnen auch besondere und individuelle Merkmale. Da er z.B. sehr gut singen bzw. „heulen“ kann, darf er sogar das „Schafe Maria“ vortragen.
Ferdinand der Wolf möchte also nichts anderes sein als ein Schaf. Als Jugendlicher auf dem Weg zum Erwachsenen und auf der Suche nach dem eigenen Ich erlebt er dieselben Dinge wie seine Schaf-Freunde, z.B. die erste große Liebe. Doch dann geschieht ein Mord und alles ändert sich. Ferdinand muss erkennen, dass er ein Wolf ist und erlebt nun auf einmal eine andere Lebens- und Gesellschaftsform (das Rudel).

Durch die Beschreibung auf dem Bucheinband „Ein Wolf unter Schafen“ wird schnell klar, dass es sich hier um eine „moderne“ Fabel handelt. „Modern“ sind für mich vor allem die Sprache sowie die Zeit, in der die Geschichte spielt. So werden z.B. digitale Fotoapparate verwendet und es wird „gebloggt“. Dies macht es umso leichter, sich in der Geschichte wohl zu fühlen. Der Vergleich mit dem eigenen Leben liegt nahe. Damit werden die Attribute einer Fabel, wie die Vermenschlichung der Tiere und auch die belehrende und unterhaltende Seite bestens umgesetzt.
Der Einstieg in das Buch „Die besseren Wälder“ fand ich etwas schwer, denn die eigentliche Geschichte beginnt für mich erst ab Seite 15. Der Buchtitel lässt vermuten, dass es in der Geschichte um die Suche nach einer „besseren Welt“ bzw. nach dem Paradies geht.
Im Roman wird auch Spannung aufgebaut, denn es geschieht ein Mord, der aufgeklärt werden möchte. Somit haben wir hier auch Elemente eines Krimis.
Durch die Geschichte von Ferdinand sieht man, dass die äußere Prägung eine große Rolle in unserem Leben spielt, aber dass wir auch bestimmte Eigenschaften besitzen, die uns als Individuum kennzeichnen. Weiterhin sind wir doch sehr stark mit Vorurteilen belastet. Dies wird im Buch durch das Hervorheben der spezifischen Merkmale von Schafen und Wölfen beschrieben.
Das Buch bietet einen großen Interpretationsspielraum, was denn z.B. diese „besseren Wälder“ sein mögen. Individualität und Integration aber auch Migration, Verfolgung und Selbsterkennung sind Themen der zum Teil sehr tiefsinnigen Geschichte und machen dieses Buch so lesenswert.

Als Erwachsener hat mir das Lesen dieses Jugendbuches sehr viel Spaß gemacht. Die verschiedenen Details sind wunderbar herausgearbeitet z.B. gibt es zum Geburtstag von Ferdinand eine Lömamö = Löwenzahn-Marzipan-Möhrentorte, es wird gereimt und im Schaf-Jargon gebetet. Die Illustrationen sind zwar kantig und im Comic-Style, aber passend zur Story. Auf jeden Fall ist das Buch „Die besseren Wälder“ für den Deutsch-Unterricht bestens geeignet.

Zum Autor:
Martin Baltscheit wurde 1965 in Düsseldorf geboren und lebt auch heute noch dort mit seiner Familie. Das Multitalent studierte Kommunikationsdesign und war im Anschluss als Comic-Zeichner, Illustrator, Schauspieler, Kinderbuch-, Prosa-, Hörspiel- und Theaterautor tätig. Neben vielen anderen Auszeichnungen, vor allem im Bereich der Jugendliteratur, erhielt er für „Die besseren Wälder“ u.a. den deutschen Jugendtheaterpreis 2010.

S. Schreiber / Januar 2014